Zeitarbeit in der Kritik

November 23, 2010 § 2 Kommentare

Neulich habe ich mit meinem Freund Sven gesprochen. Gefällt mir gut, der Sven. Also damals in Kassel, wo ich ja in den 80ern aufgewachsen und zur Schule gegangen bin (ja ja, ich bin schon auch ein typisches Mitglied der Generation Golf), gab’s so Typen wie den Sven eigentlich kaum. Also halt Leute, die einerseits irgendwo voll ökologisch drauf sind, aber andererseits das auch mit einer gewissen Coolness so ganz authentisch rüberbringen. Na Sven jedenfalls ist einer der anderen Väter in unserer kooperativen Kita. Der Mareike und mir war einfach total wichtig, dass unsere kleine Anne-Laurence auch in einem echt positiven Umfeld ihre ersten Schritte unter Gleichaltrigen macht, und da fanden wir die Idee, dass wir mit Gleichgesinnten hier aus diesem Multi-Kulti-Umfeld (hier ticken ja alle irgendwo total ähnlich, was ja auch voll schön ist) so ganz kooperativ unsere eigene Kita aufziehen. Und der Sven hat sich da direkt vom Start her auch voll reingehängt. Das war lustig, wir fahren beide einen Touareg und da haben wir uns beim ersten Meeting gleich schon über das Auto voll nett angefreundet, direkt auf dem Parkplatz. Klar, sowas verbindet ja auch.

Jetzt ist die Sache ja die – wenn wir so eine Kita selbst machen, dann ist das schon irgendwie voll spannend, weil wir ja dann auch als Arbeitgeber tätig werden. Das erfüllt mich auch, muss ich sagen, schon mit einer Befriedigung, dass ich da jetzt nicht nur ein total angemessenes Umfeld für unser Kind schaffe, sondern auch gleich Arbeitsplätze. Die Erzieherinnen haben wir uns wirklich mit viel Mühe ausgesucht. Aber wo ich mich jetzt irgendwie auch kritisch frage, ob das so richtig ist (und deshalb bin ich froh, dass ich das hier mal andiskutieren kann), ist die Sache mit den befristeten Arbeitsverträgen. Der Sven ist da total eisern. Das bewundere ich auch. Der sagt: „Wenn es um meinen Jan-Patrick geht, dann fackel ich nicht lange. Der Janni ist ein besonderes Kind, da muss man sich auch ein wenig Mühe geben. Der Junge hat ja nur eine Kindheit. Da muss ich eine Erzieherin in kürzester Frist rausschmeißen können, wenn die nicht angemessen auf die Bedürfnisse meines Sohnes eingeht. Deswegen gibt’s bei uns nur Zeitverträge!“

Wie gesagt, ich finde erstmal total bewundernswert, wie der Sven da auch total seinen Sohn ins Zentrum stellt – denn er hat ja recht, die Kindheit unserer Kinder ist ja wirklich total kostbar. Da darf eigentlich keine Stunde in der Kita eine verlorene, vergeudete Stunde sein. Und insofern supporte ich ihn bei der Haltung natürlich auch. Aber andererseits: wie sozial ist das denn jetzt den Erzieherinnen gegenüber? Ich bin da jetzt erstmal ein wenig verunsichert – natürlich stehen unsere Kinder hier ganz klar an allererster Stelle. Aber führt das dazu, dass wir damit dann als Arbeitgeber letztlich dann liberal-konservative Positionen einnehmen? Das finde ich als Hipster schon ein wenig kritisch.

Inspektor Helmholtzhipness

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§ 2 Antworten auf Zeitarbeit in der Kritik

  • fritz sagt:

    „Der Junge hat ja nur eine Kindheit. Da muss ich eine Erzieherin in kürzester Frist rausschmeißen können, wenn die nicht angemessen auf die Bedürfnisse meines Sohnes eingeht.“
    -> Die Erzieherin hat auch nur ein Leben und Bedürfnisse, auf die man als Arbeitgeber eingehen sollte.

    „Die Kindheit unserer Kinder ist ja wirklich total kostbar. Da darf eigentlich keine Stunde in der Kita eine verlorene, vergeudete Stunde sein.“
    -> Wann ist eine Stunde denn verloren und vergeudet? Wenn das Kind keine neue englische Vokabel oder kein neues Instrument gelernt hat? Wollt ihr kleine Leistungsmaschinen aus euren Kindern machen oder glückliche Menschen? Lasst die Kinder doch einfach spielen und mit anderen Kindern in sozialen Kontakt kommen, das ist doch erstmal der Sinn einer Kita. Die werden sich schon nicht so falsch entwickeln.
    Mit ein bisschen Entspannung stellt sich die Frage nach den Zeitverträgen dann womöglich gar nicht mehr.

  • Oiner von Aich sagt:

    Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
    Und predigten öffentlich Wasser.

    Die Beiträge dieses blogs sollten besser unter apologetisch als unter kritisch firmieren.

    Salonmoralismen liest man woanders auch. Dieser blog liefert nicht ein Iota dessen, was die Posts zum Auftakt versprochen haben.

    Wie schrieb die Süddeutsche: Hipster sind eben verhüllte Primitive. Unter einer Hauchschicht Avantgarde lauert das Monster Biedermann.

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